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Am Weiher

Der Badesee als Seelenanker: Manche Orte sind verborgen, weil sie schwer zu finden sind. Andere hingegen finden wir nicht, weil wir sie nicht erkennen. Wir sind blind geworden. Blind vom Dauergewitter der Nachrichten, vom Uns-zu-Tode-Denken und vom kritischen Sezieren der Welt. Ein Geist im Daueralarm kennt keinen Frieden mehr. Er übersieht die Oasen, die es längst gibt. Dabei sind sie da. Manchmal sogar ganz in unserer Nähe.


Am Weiher. Foto: Sibylle Eichhorn

Zum Beispiel dieser Badesee im Herzen des Bayerischen Waldes: weniger als ein Hektar naturbelassener Wasserfläche – selbstvergessen und im Einklang mit dem eigenen Element. Kein Magnet für den großen Urlaubertrubel – doch wer ihn kennt, dem zaubert sein Name ein kleines Leuchten ins Gesicht.
Alte Bäume und saftige Wiesen säumen das Ufer. Im kühlen, moorigen Wasser spiegelt sich der Himmel. Seinen Grund gibt der See aber nicht preis. 

Morgens

Wer früh am Tage da ist, erlebt im Baumschatten auf dem noch feuchten Gras die Unschuld des Ortes. Die kleinen Lichtreflexe auf dem Wasser. 
Blauschimmernde Libellen flitzen herum und vielleicht versuchen die Forellen, von unten nach ihnen zu schnappen. Jedenfalls kräuselt sich der Wasserspiegel zuweilen ein wenig und der Zuschauer am Ufer weiß nur, dass hier im Verborgenen ein ganz eigenes Leben wohnt – ganz bei sich und ganz mit sich im Reinen.
Eine Libelle scheint mich für einen Grashalm oder einen Zweig zu halten. Für eine Weile setzt sie sich auf meinen großen Zeh. Dann schwirrt sie weiter, ihre feinen, zackigen Linien in die Sommerluft zeichnend. Oben kreist silbern eine Schar Wildtauben.

Badegäste

Irgendwann taucht der erste Schwimmer in den See und durchmisst ihn mit ruhigen Zügen; die bis dahin unberührte Wasseroberfläche gerät in Bewegung – der Weiher scheint zu erwachen.
Ein älteres Paar setzt sich auf die Bank am Ufer und schaut still übers Wasser. 
Später kommen Klappliegen und Campingstühle hinzu, jemand bläst eine Luftmatratze auf und lautstark wird ein Stehpaddel vollgepumpt.

Unversehens hat sich der Strand gefüllt. Als hätte jemand eine Kiste voller Sommeremojis über der Wiese ausgeschüttet, wimmelt es nun von Kühltaschen, Picknickkörben, Sonnenbrillen und bunten Handtüchern. 
Auf dem schmalen Sandstreifen nah beim Wasser entstehen kleine Burgen. Ein Ball rollt davon. Ein Hauch von Mückenspray und Sonnenschutzmittel liegt in der Luft. Von fern dringt buntes Stimmengewirr herüber – Bayerisch, Russisch, Hochdeutsch. Ein Hund döst im Schatten neben dem Handtuch seiner Besitzer. 
Im flachen Wasser schaukelt ein pinkes Einhorn.

So sind wir nun vereint – die Tätowierten, die Braungebrannten und die Blassen, die Einheimischen und die Sommerfrischler, Jung und Alt, lesend, rauchend, schwatzend, träumend – haben wir alle Platz und Luft und nehmen einander nichts fort – im ideellen wie im praktischen Sinne: denn bisher musste wohl noch niemand befürchten, nach der Rückkehr von einer Schwimmrunde seinen Tascheninhalt nicht mehr komplett vorzufinden.

Am Nachmittag durchqueren ein paar Jugendliche das Gelände mit ihren Mountainbikes, um etwas abseits am Ufer, kurz bevor das Schilf beginnt, unter sich zu sein.
In der Mitte des Sees wetteifern Kinder auf ihren Stehpaddeln in spielerischem Ringen. Das Gegenlicht der tiefer stehenden Sonne verwandelt sie in dunkle Silhouetten. Ein archaisch-zeitloses Bild. In diesem sommerflirrenden Moment scheint die Gegenwart durchlässig zu werden. Als flössen Vergangenheit und Zukunft ineinander.

Längere Schatten

Wenn die Schatten der Bäume noch länger werden und die Strandgäste beginnen, ihre Taschen wieder zusammenzupacken, den Badebooten die Luft abzulassen; wenn die Rasenfläche allmählich leer wird und der Weiher nach und nach wieder sich selbst gehört, bleibt ab und an auch mal das zurück, was das fehlerhafte, echte Leben so hinterlässt: ein vergessener Kronkorken, eine zerdrückte Zigarettenkippe, die leere Hülle eines Schokoriegels. Wenn mein Blick im Vorübergehen auf sie fällt, sammle ich solche Dinge ein und trage sie zum Papierkorb. Vielleicht tun andere das auch.
Kleine Spuren unseres unperfekten Daseins, die dazugehören und die die Schönheit des gesamten Lebens nicht schmälern. 

Kein Paradies

Der kleine See zeigt, dass das Heile kein unerreichbarer Mythos bleiben muss und dass unsere Welt in wesentlichen Teilen sogar sehr gesund und sehr in Ordnung ist. 
Natürlich nicht unbedingt das Paradies, zumindest nicht vor dem Sündenfall, aber hier ist Raum zum Atmen und Leben. 

Und ziemlich sicher ist dieser See nicht die einzige Oase auf der Welt. 
Denn das Heile, wofür der Weiher als Sinnbild steht, liegt so oft direkt vor unserer Haustür – im Herzen eines Waldes, im Lichtspiel eines Zweiges an der Wand, in der Schlange an der Supermarktkasse, vielleicht aber auch einfach im nächsten tiefen Atemzug.

im August 2026


Am Weiher | Foto: Sibylle Eichhorn