Direkt zum Hauptbereich

Vamos a la Weiher!

Der Badesee als Seelenanker: Manche Orte sind verborgen, weil sie schwer zu finden sind. Andere hingegen finden wir nicht, weil wir sie nicht erkennen. Wir sind blind geworden. Blind vom Dauergewitter der Nachrichten, vom Sich-zu-Tode-Denken und vom kritischen Sezieren der Welt. Ein Geist im Daueralarm kennt keinen Frieden mehr. Er übersieht die Oasen, die es längst gibt. Dabei sind sie da. Manchmal sogar ganz in unserer Nähe.


Am Weiher. Foto: Sibylle Eichhorn

Zum Beispiel dieser Badesee im Herzen des Bayerischen Waldes: weniger als ein Hektar naturbelassener Wasseroberfläche – selbstvergessen und im völligen Einklang mit dem eigenen Element. 
Gesäumt vom Schatten alter Bäume und grünsaftiger Wiese. 
Kein Magnet für den großen Urlaubertrubel – doch wer ihn kennt, dem zaubert schon sein Name ein kleines Leuchten ins Gesicht.
Das kühle, waldig-dunkle und leicht moorige Wasser, worin sich der Himmel spiegeln darf, dem sich deswegen aber noch lange nicht auf den Grund schauen lässt. Zumindest nicht einfach im Vorübergehen. Und vielleicht auch nicht von jedem.

Morgens

Wer früh am Tage da ist, darf im Baumschatten auf dem noch feuchten Gras die Unschuld dieses Ortes ganz pur erleben, die Frische des unverbrauchten Tages schmecken und die kleinen Lichtreflexe auf dem Wasser sanft auf in die Netzhaut rieseln lassen. Umgeben von einem Frieden, der sich unangreifbar und verschwenderisch verströmt und von dem man sich einfach nehmen darf, so viel man mag, ohne dass er davon irgendwie kleiner oder weniger würde.

Blauschimmernde Libellen flitzen über die Wasseroberfläche und vielleicht versuchen die Forellen, von unten nach ihnen zu schnappen. Jedenfalls kräuselt sich der Wasserspiegel zuweilen ein wenig und der Zuschauer am Ufer weiß nur, dass hier im Verborgenen ein ganz eigenes Leben wohnt – ganz bei sich und ganz mit sich im Reinen.
Eine Libelle scheint mich für einen Grashalm oder einen Zweig zu halten. Für eine Weile setzt sie sich auf meinen großen Zeh. Dann schwirrt sie weiter, ihre feinen, zackigen Linien in die Sommerluft zeichnend.
Hoch über dem Wasser kreist flink und silbern eine Schar Wildtauben.

Badegäste

Irgendwann taucht der erste Schwimmer in den See und durchmisst ihn mit ruhigen und kräftigen Zügen; die bis dahin unberührte Wasseroberfläche gerät sachte in Bewegung – der Weiher scheint zu erwachen.
Ein älteres Paar nimmt auf der bereitstehenden Bank Platz und schaut schweigend übers Wasser. 
Später werden Klappliegen und Campingstühle vom nahegelegenen Parkplatz herbeigetragen, eine Luftmatratze wird aufgeblasen und etwas geräuschvoller erhält unweit ein Stehpaddel seine feste Form.

Unversehens hat sich der Strand gefüllt,  und als hätte jemand eine ganze Kiste voller Sommeremojis über der Wiese ausgeschüttet, gibt es jetzt Kühltaschen, Picknickkörbe, Sonnenbrillen, den regenbogenfarbenen Seehund und sogar ein schwimmendes Einhorn. 

Eine Brise von Mückenspray und Sonnenschutzmittel schwebt über dem Gelände. Auf dem schmalen Sandstreifen nah beim Wasser entstehen kleine Burgen, ein Ball rollt davon und wird wieder eingefangen. 
Entspannt ruht im Schatten neben dem Handtuch seiner Besitzer ein Hund. 
Von fern dringt buntes Stimmengewirr herüber – Bayerisch, Russisch, Hochdeutsch.

So sind wir nun vereint – die Tätowierten, die Braungebrannten und die Blassen, die Einheimischen und die Sommerfrischler, Jung und Alt, lesend, rauchend, schwatzend, dösend – haben wir alle Platz und Luft und nehmen einander nichts fort – im ideellen wie im praktischen Sinne: denn bisher musste wohl noch niemand befürchten, nach der Rückkehr von einer Schwimmrunde seinen Tascheninhalt nicht mehr komplett vorzufinden.

Am Nachmittag durchqueren ein paar Jugendliche das Gelände mit ihren Mountainbikes, um sich etwas abseits am Ufer, kurz bevor das Schilf beginnt, niederzulassen und jenseits der Blicke der anderen einfach unter sich zu sein.

In der Mitte des Sees wetteifern Kinder auf ihren Stehpaddeln in spielerischem Ringen. Das Gegenlicht der tiefer stehenden Sonne verwandelt sie in dunkle Silhouetten. Ein fast archaisch-zeitloses Bild. In diesem sommerflirrenden Moment scheint die Gegenwart durchlässig zu werden. Als flössen Vergangenheit und Zukunft ineinander.

Längere Schatten

Wenn die Schatten der Bäume noch länger werden und die Strandgäste irgendwann beginnen, ihre Taschen wieder zusammenzupacken, den Badebooten die Luft abzulassen, die Rasenfläche sich allmählich leert und der Weiher nach und nach wieder sich selbst gehört, bleibt ab und an auch mal das zurück, was das fehlerhafte, echte Leben eben so hinterlässt: ein vergessener Kronkorken, eine zerdrückte Zigarettenkippe, die leere Hülle eines Schokoriegels. Wenn mein Blick im Vorübergehen auf sie fällt, sammle ich solche Dinge ein und trage sie zum Papierkorb – und vielleicht tun andere das ja auch.
Kleine Spuren unseres unperfekten Daseins, die einfach dazugehören und die die Schönheit des gesamten Lebens nicht zwangsläufig schmälern. 

Kein Paradies

Während der im Titel angespielte Originalsong aus den 80ern eine neonschrille Dystopie zeichnet, zeigt dieser kleine See, dass das Heile kein unerreichbarer Mythos bleiben muss und unsere Welt in wesentlichen Teilen sogar sehr gesund und sehr in Ordnung ist. 
Natürlich nicht unbedingt das Paradies, zumindest nicht vor dem Sündenfall, aber sämtlichen Untergangsszenarien zum Trotz gibt es hier einfach Raum zum Leben, zum Atmen und zum Menschsein. 

Und ziemlich sicher ist dieser kleine grüngesäumte See nicht die einzige Oase auf der Welt. 
Denn das Heile, wofür der Weiher als Sinnbild stehen mag, liegt so oft direkt vor unserer Haustür – im Herzen eines Waldes, im Lichtspiel eines Zweiges an der Wand, an der Supermarktkasse, vielleicht aber auch einfach im nächsten tiefen Atemzug.
Gehen wir also zum Weiher!

im August 2026


Am Weiher | Foto: Sibylle Eichhorn

Weitere Posts
© 2026 Sibylle Eichhorn