Direkt zum Hauptbereich

»Tosca« – packendes Operndrama in Gelsenkirchen

Diese Oper beginnt nicht. Sie bricht herein. 
Siegessicheres B-Dur, ein Paukenschlag, das Kruzifix stürzt zu Boden. Aufständisches Volk drängt in die Kirche, getrieben von orchestralen Peitschenhieben. Hier steht keine "feste Burg" mehr; direkt zu Beginn ist die Welt aus den Fugen.
Wenn später der Kanonenschuss ertönt, wird es für einen Moment dunkel. Bombeneinschlag, Stromausfall? Die Welt draußen ist plötzlich ganz nah.

Ein Bericht für DAS OPERNMAGAZIN über die Premiere am 18.10.2026

© Jochen Quast


Regisseur Frank Hilbrich reißt ohne Zögern den Abgrund auf. Seine Inszenierung bräuchte kein Bühnenbild: Sie befasst sich mit den Menschen, ihren Beziehungen – und sie vertraut der Musik. Nichts wirkt ausgedacht oder programmatisch übergestülpt. Den Figuren schenkt Hilbrich echtes Leben. Seine Kunst offenbart sich im Unsichtbarwerden, im Zurücktreten und im radikalen Erzählen. Die Handlung scheint direkt aus den Darstellern zu erwachsen. Das packt einen nicht beim Kopf, sondern greift unmittelbar ins Herz.

Die Bühne von Volker Thiele ist mehr als Dekoration. Sie ist ein kluges Angebot: Die große Deckenöffnung erinnert an das römische Pantheon. Ein Raum, der sich von Akt zu Akt auflöst. Zunehmende Schwärze, die stetig von allen Seiten hereindringt. All das erzählt unaufdringlich seinen Teil der Geschichte und gibt Darstellern wie Regie genau den Platz, den sie brauchen.

Zu Beginn begegnen uns die Sängerin Floria Tosca und der Maler Cavaradossi als verliebtes Paar. Mit silberner Tote-Bag und Sweatjacke mit dem eigenen Namen (Kostüme: Gabriele Rupprecht) könnte Tosca ebensogut als Influencerin durchgehen. Dass auch Cavaradossi ihren Namen auf der Jacke trägt, markiert zudem ihren Besitzanspruch. Aber das Publikum erlebt vor allem zwei sehr junge, noch keineswegs krisenfest verliebte Menschen, die sich annähern, ihre Grenzen testen, Spaß zusammen haben. 
Sie könnten die etwas erwachseneren Geschwister von Rodolfo und Mimì sein: weniger verletzlich, weniger zerbrechlich, dafür voller Tatendrang und Selbstbewusstsein. Puccini lässt hier pure Jugend vernehmen; im Orchestergraben und auf der Bühne prickelt es nur so vor Lebenslust.

© Jochen Quast

Wenn Tosca später wie in einer antiken Tragödie Scarpia gegenübersteht und ihn ersticht, offenbart sich die Fallhöhe in der ganzen Brutalität. Das Schicksal öffnet seinen Schlund und reißt alles und jeden mit sich hinab.
Die enorme Wandlung der jungen, zunächst vor allem um sich selbst kreisenden Frau hin zur politischen Akteurin zeigt Sopranistin Margarita Vilsone mit allen Facetten: Ihre Stimme hat die Leichtigkeit für den Anfang und besitzt gleichzeitig die benötigten Reserven für das spätere Drama. Mit fast athletischer Sicherheit meistert sie die Höhen der Partie und verfügt ebenso über Volumen und Ausdruck für die unteren Lagen. Dabei klingt sie jederzeit schön und bewegt sich auf der Szene überaus ansehnlich und souverän.

Abraham Bretón als Cavaradossi ist ihr ein starker Partner. Mit der richtigen Portion an Sturm und Drang trumpft seine substanzreiche Stimme vor allem in den kraftvollen Passagen auf und behauptet sich jederzeit mühelos gegen das Orchester.
Findet Bretón künftig noch zu einer reicheren Palette an Klangfarben, dürfte der Karriere dieses jungen Sängers kaum etwas im Wege stehen. Zumal er auch optisch eine Idealbesetzung ist: Seine natürliche Präsenz bricht mit jedem Tenor-Klischee und macht ihn auf der Bühne zu einem hochattraktiven Sympathieträger.

Alejandro Lárraga Schleske verleiht dem Scarpia mit seiner Stimme Glanz und Ausdruck. Wie ein außer Rand und Band geratener Giovanni der Neuzeit („Ich will von allen Weinen kosten“) strömt sein Heldenbariton ebenso samten wie durchschlagskräftig – und in einer Weise für sich einnehmend, dass man ihn fast liebgewinnen könnte. Er ist jedenfalls nicht eindimensional böse oder brutal, sondern ein virtuoser Manipulator, der selbst die kritischsten Geister einwickelt. In seiner Gegenwart scheint die Zeit zähflüssig zu werden – was vielleicht die Zeitlupenbewegungen des Chores und des übrigen Personals erklärt.
Der Plan mit der Scheinhinrichtung… man denkt: Es ist genial! So gern möchte man glauben, dass dieser verlogene Typ dann doch endlich einmal etwas Gutes tut! Solchen Gestalten gehen wir leider immer wieder auf den Leim – egal, wie sehr wir sie zuvor auch durchschaut haben mögen.

Die kleineren Partien überzeugen ohne Ausnahme. Aus dem Ensemble ragt als Sagrestano Joachim Gabriel Maaß mit einer eindrücklichen Charakterstudie hervor.
Der Opern- und Kinderchor (Leitung: Alexander Eberle und Veronika Haller) singt kraftvoll, klangschön und präzise.
Die Gesänge aus dem Off könnten sowohl bei der Kantate im zweiten Akt als auch für die Stimme des Hirtenknaben (Yeeun Yeo) mehr akustische Präsenz vertragen. Dramaturgisch bedeutet dies natürlich immer eine Gratwanderung: Es soll entfernt bzw. „von draußen“ klingen – dennoch ist es schade, wenn die Zuhörer allzu sehr ihre Ohren spitzen müssen.

Getragen wird der Abend von Generalmusikdirektor Rasmus Baumann am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen. Unter seiner Stabführung klingt die Musik edel, durchhörbar und blühend – mit der nötigen Süße, aber ohne jede Klebrigkeit. Auch der große, schneidende Puccini-Schmerz im dritten Akt wird bis in die tiefsten Körperzellen fühlbar, ohne dass der Klang je an Kontur verliert.

Am Ende springt Tosca nirgends hinab: nicht von der Engelsburg, aus keinem Fenster und auch nicht in den Orchestergraben. Sie ist über sich selbst, über die Grenzen dieser Welt hinausgewachsen und bleibt einfach stehen. Ihr zu Füßen der tote Cavaradossi.
Über beide senkt sich das Dach dieser Bühnenwelt herab, langsam und unerbittlich. Keine Erlösung in Sicht. Die leere Bühne offenbart schwarze Unendlichkeit und die ganze schauerliche Weite des menschlichen Lebens.
Das Publikum tobt vor Begeisterung über diesen packenden Musiktheaterabend, dessen aufwühlende Energie noch lange nachklingt.


© Jochen Quast 


Dir hat dieser Beitrag gefallen? 👋
Dann nimm ein Stück Kultur und Inspiration mit in deinen Feed! Auf meiner Facebook-Seite halte ich dich über alles rund um den Blog, die Oper und das alltägliche Leben auf dem Laufenden. 🔗 Hier geht es zu meiner Facebook-Seite



Die Künstler:

Floria Tosca: Margarita Vilsone
Mario Cavaradossi: Abraham Bretón
Baron Scarpia: Alejandro Lárraga Schleske
Spoletta: Leon Noel Wepner
Sciarrone / Kerkermeister: Oliver Aigner
Cesare Angelotti: Yevhen Rakhmanin
Mesner (Sagrestano): Joachim Gabriel Maaß
Stimme des Hirtenknaben: Yeeun Yeo

Musikalische Leitung: Rasmus Baumann
Regie: Frank Hilbrich
Bühne: Volker Thiele
Kostüme: Gabriele Rupprecht
Licht: Thomas Ratzinger
Choreinstudierung: Alexander Eberle
Einstudierung Kinderchor: Veronika Haller
Dramaturgie: Theresa Steinacker