Direkt zum Hauptbereich

Kein Wasser und Korngold

Der Tyrann hält im Kerker einen mysteriösen Fremden gefangen. Das Volk schreibt ihm magische Kräfte zu. Eine junge Frau schleicht hinab, verfällt dem Gefangenen und zieht sich vor ihm aus. Der Herrscher kocht vor Eifersucht und sinnt auf Rache…
Nein, es ist nicht »Salome«, sondern Erich-Wolfgang Korngold mit »Das Wunder der Heliane«.




»Das Wunder der Heliane« am Aalto-Theater Essen

Rezension der Premiere vom 3. Oktober 2026 für DAS OPERNMAGAZIN


Ein Libretto voller Prototypen: der Herrscher, der Fremde, die Botin, der Pförtner, der Richter. Allein die Titelheldin trägt einen Namen – Heliane, die Leuchtende.
Aber Textdichter Hans Müller hat noch mehr in den Thermomix seines jugendlichen Schaffens geworfen: Der Fremde bringt Lachen und Heil – beides steht in diesem Reich unter Todesstrafe. Der Herrscher wiederum leidet an der eigenen Liebesunfähigkeit. Er verurteilt Heliane zum Tode. Der Fremde tötet sich und stirbt, bevor er sagen kann, was er mit Heliane wirklich erlebte – und was nicht. Nun soll die Verurteilte den Toten auferwecken, um den eigenen Kopf zu retten. Am Ende obsiegt aber die Liebe, und das Paar entschwebt in den Opernhimmel.

Diese Handlung verwebt Müller zu wuchernden Jugendstilranken, die dem Hörer die Luft nehmen und den Verstand zweifeln lassen. Da „kreißen die Grüfte“ und „die Seelen stäuben wie Funken im All-Einen des unendlichen Seins!“
Karl Kraus, ein Zeitgenosse des Librettisten, bringt es auf den Punkt: „Ein solcher Stil atmet nicht, er keucht vor lauter Weihe, er bricht zusammen vor Wichtigkeit.“

Dystopie im leeren Schwimmbecken

Die Bühne von Katja Hass bleibt den gesamten Abend über weiß. Der Raum gleicht dem Untergeschoss eines stillgelegten Schwimmbades – karg ausgestattet mit einem Waschbecken und einer Treppe nach draußen. Wasser fließt hier lediglich als Privileg: Wer gechipt ist und einen leuchtenden Punkt über dem Becken berührt, darf trinken. Kameras an der Decke signalisieren: Achtung, Überwachungsstaat! Der Handlung nützen sie jedoch nichts.
Geländer durchziehen den Raum; den Darstellern dienen sie vor allem zum Festhalten bei ihrem Ringen mit dem Leben. 

In den Pausen wird aufwendig umgebaut, ohne dass sich grundlegend etwas ändert: Im zweiten Akt steht die Treppe rechts, das Waschbecken links (zuvor war es umgekehrt), im dritten Akt fehlt beides – und auch das anfänglich noch präsente Kruzifix ist dann verschwunden. Wirkliche Erkenntnisse bringt all das nicht. Was bleibt, sind die unfreiwilligen Schattenwürfe an den kahlen Wänden; nach durchdachter Lichtregie sieht das nicht aus.
Rätselhaft ist auch die Geografie des Staates. Wohin führt die Treppe? Wohin die seitlichen Abgänge? Und wie sieht es draußen aus? Die Regie lässt diese Fragen offen.

Regisseurin Elisabeth Stöppler inszeniert das Stück als Drama über weibliche Selbstbestimmung und Rebellion gegen ein dystopisches System. Das rationierte Wasser symbolisiert die verbotene Lebensfreude im Staat. Die sechs Dienerinnen nehmen unter Aufsicht Tabletten ein und winden sich anschließend in Krämpfen – Huxley lässt grüßen.
Helianes Verzweiflung bei ihrer Begegnung mit dem Fremden wirkt trotz aller Bemühungen künstlich. Das Liebesdrama bleibt Behauptung. Auf der Szene herrscht mehr graue Theorie als packende Oper.
 


Der Ironman

Doch warum tut sich ein Opernhaus dieses Stück überhaupt an? Alle Hauptrollen fordern das Äußerste. Sie sind der Ironman für Sänger; nur wenige stehen die Tortur durch. Hier geht es vor allem ums Überleben: konditionell über vier Stunden, akustisch gegen ein hundertköpfiges Orchester, stimmtechnisch in extremer Tessitura und im fast permanenten Passaggio ohne nennenswerte Entspannungsmomente. 
Für Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti stand diese Oper dennoch ganz oben auf der Wunschliste.

Gasttenor Tilmann Unger bringt als Fremder einen durch die Lagen ausgeglichenen und angemessen heldischen Klang mit. Die Stimme ist rund, mit angenehm dunkler Färbung, zuweilen etwas gaumig, aber er besteht den Parcours nahezu verlustfrei und verkörpert die jesusähnliche Heilsgestalt glaubhaft.

Für die Titelrolle engagierte das Aalto-Theater Astrid Kessler. Äußerlich ist sie eine Idealbesetzung – licht und jugendlich in der Erscheinung – und selbst in der langen Nacktszene im ersten Akt muss sie keine Sekunde das Bühnenlicht scheuen.
Ihre lyrisch veranlagte Stimme landet bei diesem Stück aber in der falschen Gewichtsklasse und gerät hörbar an ihre Grenzen. Dem Material fehlt es in der Tiefe und Mittellage an Fundament und Wärme, die Höhen flackern anstatt zu blühen und der Ton verliert zunehmend an Fokus. 
Mit engagiertem Spiel und ihrem auch abseits der Nacktszene virtuosen körperlichen Einsatz fängt Astrid Kessler jedoch einiges auf. Das Publikum feiert sie am Ende des Abends mit großem Jubel.

Heiko Trinsinger aus dem hauseigenen Ensemble als Herrscher hat bei den Hauptpartien als einziger die nötige Stamina für die Partitur und weist genügend Reserven auf, um sich nicht nur gegen die Dauererektion in der Musik behaupten zu können, sondern auch noch Zwischentöne und dynamische Schattierungen unterzubringen. Er gestaltet das eindrückliche Porträt eines zerrissenen Mannes voller Selbstzweifel, der gerne lieben möchte, aber nicht weiß, wie das geht. Seine Versuche, Heliane zurückzugewinnen, bleiben hilflos. Das Versprechen, sie „durch ein Meer von Blut“ zu tragen, führt verständlicherweise nicht zum gewünschten Erfolg.
Insgesamt ist er der Sieger dieses mörderischen Triathlons und die Zuschauer bejubeln ihn beim Schlussapplaus entsprechend.

Die Rolle der Botin gestaltet Bettina Ranch mit substanzreichem Mezzo, sicherer Höhe und prägnantem Spiel.
Aus der Schar der kleineren Partien ragt Aljoscha Lennert als Schwertrichter mit klarer Diktion, souveränen Spitzentönen, der benötigten Durchschlagskraft und ausgeglichenem Timbre heraus.

Der Opernchor und die Damen des Extrachores (Leitung: Bernhard Schneider) singen anfangs nur im Off. Mit dem dritten Akt schlägt aber ihre große Stunde: Zum fast zehnminütigen Vorspiel betreten sie in Häftlingskleidung nach und nach die Bühne. Jeder der über sechzig Sänger bringt eine eigene Geschichte mit und steht für Momente allein im Rampenlicht, bevor er seinen Platz findet. Dass das Ganze über diesen langen Zeitraum weder zerfasert noch uninteressant wird, sondern aus den feinfühlig gezeigten Einzelschicksalen schließlich ein großes, stimmiges Bild entsteht, ist der beeindruckendste Moment der Aufführung. Hier zeigt sich die Stärke von Elisabeth Stöpplers Personenführung.
Der Chor singt kraftvoll, schön und textverständlich und wird für seine Leistung zu Recht gefeiert.



Das Hauptereignis des Abends geschieht aber im Orchestergraben. Andrea Sanguineti hält die 95 Musiker und Korngolds monumentale spätromantische Partitur souverän im Zaum. Unter seinem Dirigat entsteht ein opulentes musikalisches Sittengemälde der frühen Moderne. Er lässt die Musik blühen und leuchten und – wo nötig – auch krachen. Die zuweilen brutalen Klangballungen geraten jedoch nie schmerzhaft. Sanguineti mischt die expressionistischen Farben mit geübter Hand und platziert treffsicher die grotesken Schostakowitsch-Momente. Auch den großen Hollywood-Badesee serviert er den Zuhörern in feinstem akustischen Technicolor.
Schon bei den Wiederauftritten nach den Pausen gibt es für den Maestro und die Musiker im Graben begeisterten Applaus; und noch größer sind die Beifallsstürme am Ende.

Wieder fließend Wasser

Der Schluss der Oper zieht sich allerdings gefühlte drei Apotheosen lang.
Heliane ist inzwischen Wunderheilerin. Das Volk verlangt, dass sie den toten Fremden auferweckt: Überirdisch feine Celestaklänge schweben durch den Raum, Statisten rollen dazu den nackten Toten auf einer Bahre herein. Heliane breitet die Hände über ihn und singt beschwörend „Steh! Steh..... auf!“. Allerdings scheitert sie dabei und bekennt nun öffentlich, ihn geliebt zu haben. Nach kurzem Aufruhr singt das Volk „Heilig, heilig“ und später in kollektiver Ekstase „Freude, Leben, Schwestern, Freiheit, Glück.“ 
Es folgen Wasserkanister, Tränen, Küsse, Umarmungen und noch eine Arie vom schließlich doch wieder auferstandenen Tenor.
Nach der letzten Note brechen alle in großes Gelächter aus – ein Lachen, auf das anfangs noch die Todesstrafe stand.
Endlich darf auch der nackte Statist von der Bahre steigen. Er greift sich das Handtuch vom Geländer, wickelt es um die Hüften und geht zusammen mit seinen Kollegen zum Schlussapplaus. Das Publikum jubelt. Vereinzelte Buhs treffen die Regie. Ein langer Abend ist am Ziel und ich denke erschöpft: Beim nächsten Mal dann doch lieber wieder »Salome«.



Du möchtest keine Rezension, kein Porträt und keinen Essay mehr verpassen? Ich nehme dich in meinem WhatsApp-Kanal mit hinter die Kulissen der Opern- und Kulturwelt. Das Abonnement ist völlig anonym und deine Nummer bleibt unsichtbar: 👉 Hier kostenlos abonnieren

Besetzung

Heliane: Astrid Kessler
Der Herrscher: Heiko Trinsinger
Der Fremde: Tilmann Unger
Die Botin: Bettina Ranch
Der Pförtner: Almas Svilpa
Der Schwertrichter: Aljoscha Lennert
1. Richter: KS. Rainer Maria Röhr
2. Richter: Karel Martin Ludvik
3. Richter: Baurzhan Anderzhanov
4. Richter: Zicong Han
5. Richter: Petro Ostapenko
6. Richter: Mathias Tönges
Seraphische Stimmen: Idil Kutay / KS. Christina Clark / Tamina Biber

Musikalische Leitung: Andrea Sanguineti
Inszenierung: Elisabeth Stöppler
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Nicole Pleuler
Licht: Ulrich Eh
Choreinstudierung: Bernhard Schneider
Leitung der Bühnenmusik: Marlowe Fitzpatrick/Wolfram-Maria Märtig
Dramaturgie: Patricia Knebel

Fotos: Alvise Predieri