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Mozart d-Moll und der wunderbare Augenblick des Nichtwissens

Als Pianistin Maria João Pires 1999 im Concertgebouw Amsterdam kurzfristig für ein Konzert einspringt, ahnt sie noch nicht, was folgen würde. Aber beim ersten Takt des Orchestervorspiels wird ihr schockartig klar: Hier erklingt ein ganz anderes Stück!
Was dann geschah, geht in die Musikgeschichte ein: Zwei Minuten völliger Ungewissheit, der unerschütterliche Zuspruch durch Maestro Riccardo Chailly, die Überwindung der eigenen Angst – und schließlich ein magischer Moment von vollkommenem Loslassen.


Foto: Sibylle Eichhorn

Ein Februartag im Jahr 1999. Das Royal Concertgebouw Orchestra hat unter der Leitung von Maestro Riccardo Chailly zur öffentlichen Generalprobe, dem sogenannten Lunchkonzert eingeladen, wo neben Gustav Mahlers 1. Sinfonie auch das Klavierkonzert Nr. 20 in d-Moll (KV 466) von Wolfgang Amadeus Mozart erklingen soll. 
Für einen erkrankten Kollegen ist kurzfristig die portugiesische Pianistin Maria João Pires eingesprungen.

Einen Tag zuvor waren mit dem Management des Concertgebouw im englischsprachig geführten Telefonat die wichtigsten Eckdaten geklärt worden, doch dabei sollte sich ein folgenschweres und später zu historischer Berühmtheit gelangendes Missverständnis ereignen, das noch Jahre später die Gemüter von Klassikliebhabern rund um den Erdball bewegen würde: Anstelle von KV 466 in d-moll verstand Maria João Pires nämlich KV 488.

Als nun am Aufführungstag vor knapp zweitausend Zuschauern Maestro Chailly den Stab hebt, das Orchester die ersten Takte spielt, schicksalsdräuende Streicherakkorde und die unheimlichen Bass-Synkopen nervös-insistierend den Saal erfüllen, ist für die Pianistin nach nur Bruchteilen von Sekunden klar: hier wird das falsche Stück gespielt. Beziehungsweise das ganz und gar richtige. Aber Maria João Pires war eben auf ein anderes vorbereitet gewesen. 

Sie war stattdessen mit dem heiter-sprühenden A-Dur-Konzert im Gepäck angereist und die auf dem Podium unerwartet erklingenden ersten d-Moll-Takte ließen ihr vermutlich für Sekunden das Blut in den Adern gefrieren – als klopfe der Steinerne Gast mit eiserner Faust höchstpersönlich an ihre Tür.

Eine Kamera war zugegen. Somit sind jene historischen Momente, die vermutlich den schlimmsten denkbaren Alptraum eines jeden Bühnenkünstlers abbilden, hautnah dokumentiert und in zahlreichen Youtube-Videos unmittelbar mitzuerleben. 
Ich persönlich kann mich an kaum ein Filmdokument erinnern, das eindrücklicher wäre. Es bewegt, berührt mich jedes Mal von neuem und ist vermutlich einer der spirituellsten und magischsten Augenblicke im öffentlichen Musikleben.

Zwei Minuten Ewigkeit

Fast scheint es, als würde die Aufnahme mit Röntgenblick direkt ins Innere des Künstlerinnenkopfes leuchten – mitten hinein ins Zentrum eines bodenlosen Erschreckens, der gleichzeitig vollkommenen Leere – und all das dem Zuschauer in seiner ganzen Ratlosigkeit und zerbrechlichsten Schönheit offenbaren. 
In einer Sekunde die ganze Tiefe des Kosmos, die unendliche Endlichkeit des Menschseins und alles Fleisch wie Gras…
Denn alles Fleisch es ist wie Gras,
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.
Zwei Minuten, die sich für die Pianistin vermutlich wie eine Ewigkeit angefühlt haben mögen, mit dem höchstwahrscheinlich verzweifelten Wunsch, dass sich bitte sofort der Boden auftun und dieser Alptraum einfach nur enden möge.


Maria João Pires | Foto: YouTube

Während aber Riccardo Chailly lässig mit Handtuch um den Hals (denn trotz der anwesenden Zuschauer ist es ja eine Arbeitsprobe) unbeirrt seinen wunderbar erdigen und kraftvollen Mozart weiterdirigiert, entspinnt sich im Laufe der nächsten musikalischen Phrase eine kurze Konversation zwischen den beiden Künstlern:
Sie sagt leise, dass sie es versuchen würde. Er unterstützt sie darin und fragt zurück, welches Stück sie denn vorbereitet habe und dass sie dieses hier doch schließlich erst im letzten Jahr gespielt habe. 
Zaghaft, mit fast kindlich-anrührender Verletzlichkeit schaut sie vom Klavier zu ihm hinauf.
Für sie mag es sich angefühlt haben wie der Moment kurz vorm Sprung aus einem Flugzeug, wo in den ersten Sekunden absolut noch nicht klar ist, ob sich der Fallschirm überhaupt jemals öffnen wird...

»You know it so well!«

Doch fast gleichzeitig mit seinem Impuls zum alles riskierenden, alles befreienden, dem Schicksal in den weit geöffneten Rachen greifenden Dominantseptakkord stößt Chailly schließlich die Worte »I’m sure you can do that!« hervor – gleich einem Mantra, einer Beschwörung des Himmels – und ruft zusätzlich in Richtung seiner Pianistin, wild entschlossen, mit noch größerem Nachdruck und offenbar unendlichem Gottvertrauen gesegnet: »You know it so well!«.
Danach bricht die Musik mit schier unaufhaltsamer Energie los, baut sich in nur wenigen Takten zum Tsunami auf, bläst mit leidenschaftlicher Wucht beinahe zum Sturm auf die Bastille und reißt für Momente einfach alles mit sich, was auch nur ansatzweise im Wege stehen könnte – sämtliche Zweifel, alle Verzagtheit, jeglichen Unglauben.

Die Erlöseten des Herrn werden wieder kommen, 
und gen Zion kommen mit Jauchzen; 
ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; 
Freude und Wonne werden sie ergreifen 
und Schmerz und Seufzen wird weg müssen.

Hätte es Mozarts Komposition bis dahin noch nicht gegeben, wäre sie vermutlich in jenen schicksalhaften Momenten auf dem Podium in Marias Kopf genau so entstanden. Diese zwei Minuten sind einfach der perfekte Soundtrack – in ihnen liegt alles, was sich währenddessen in ihr abgespielt haben mag:
Die dramatische Entschlossenheit in der Fortissimo-Attacke der tiefen Bläser, gefolgt vom verzweifelt aufseufzenden Nachdenken der Streicher »Aber was, wenn ich es nicht schaffe?«, um schließlich mit keinen Widerspruch zulassender Emphase zu insistieren »Du musst, es gibt keinen Weg zurück. Hic Rhodos, hic salta!«. 
Mit zarter, beschwichtigender Stimme melden sich nun die Holzbläser zu Wort, als würden mitfühlende Engelwesen über rettende Auswege und Hilfestellungen in diesem Dilemma liebevoll beratschlagen und eindringlich um Lösungen ringen. 
»Nein!« beharrt der Rest des Orchesters mit einer Bestimmtheit, die kein Aber duldet, »Hier gibt es kein Halten, jetzt muss geschehen, was geschehen soll«. Und wiederholt das Gesagte – und sagt es anschließend noch einmal – mit umso größerer Bestimmtheit. 
Kein Ausweg in Sicht, kein Zurück. Es ist einfach der Moment vor dem unvermeidlichen Sprung. 

Wie eine tröstliche Prophezeihung wird die Bewegung in der Musik mit einem Mal sachter, die Wogen glätten sich  – und als lichte sich der Nebel ein wenig, fällt von sehr fern ein besänftigender Strahl in diesen Schicksalsmoment, in dem zwar absolut noch gar nichts klar ist, der Mensch sich weiterhin aussichtslos in Verzweiflung und Ratlosigkeit zu befinden scheint, die höhere Macht aber bereits sicher weiß, was zu tun ist und was rettend geschehen soll.


Der unvermeidliche Sprung

Wie von magischer, göttlicher Hand geführt berührt Maria schließlich die Tasten – und als ob sie einer anderen Welt entstammen, erklingen Töne von unendlicher Zartheit, vollendeter Verletzlichkeit – gleich dem ersten Sonnenlicht, das nach langer Nacht durch die Baumkronen bricht, getragen von sphärischer Schwerelosigkeit…
Der Fallschirm hat sich geöffnet, das Meer hat sich geteilt, die Hände gleiten, die Töne perlen, als hätte es niemals, in keiner einzigen Sekunde, irgendwelche Zweifel gegeben.
Wir werden nicht alle entschlafen, 
wir werden aber alle verwandelt werden; 
und dasselbige plötzlich, in einem Augenblick…


Viel mehr als eine Sternstunde

Im Interview bei Classic FM erklärt Maria João Pires viele Jahre später, diese Begebenheit habe keine Sternstunde in ihrer Laufbahn dargestellt. 
Aber in meiner Auffassung – und aus der Perspektive des Betrachters – zählen solche Augenblicke wie jener auf der Bühne des Concertgebouw mit zum Höchsten, das uns Menschen widerfahren kann: die vollkommene Hingabe an den gegenwärtigen Moment, das Loslassen von einfach allem sowie die wunderbare Erfahrung, letztlich gehalten zu werden, während man selbst noch fürchtet, ins Bodenlose zu stürzen. 

In diesem besonderen kosmischen Moment zeigte sich zudem, wie wohltuend, wichtig, ja lebensrettend die Präsenz zuversichtlicher und unterstützender Menschen in unserer Umgebung sein kann – und welch großartiges Geschenk diese für jeden einzelnen und für die Welt sind!
Und wie viel es darüber hinaus bedeutet, in derart fragilen Situationen auch selbst an das Leben und an andere Menschen zu glauben, ihnen aus vollem Herzen das ganze Vertrauen und jede erdenkliche Unterstützung zufließen zu lassen – so wie Maestro Chailly es damals auf dem Podium für Maria João Pires getan hat – und wie man es am besten jedem Menschen zurufen sollte: 
»I’m sure you can do that, you know it so well!«

im Juli 2026


Übrigens:

Wer sich fragen sollte, weswegen im obigen Text Zitate aus dem Brahms-Requiem erscheinen: dies geschah beim Schreiben zunächst rein intuitiv.
Erst die nachfolgende Recherche eröffnete mir, dass Johannes Brahms tatsächlich eine enge Beziehung zu Mozarts d-Moll-Klavierkonzert pflegte, seine eigene, virtuose Kadenz für den ersten Satz geschrieben hat und das Werk auch selbst als Solist am Klavier aufführte. 
Mit dieser Information im Hinterkopf bin ich der ursprünglichen Eingebung dann sehr gerne weiter gefolgt. 
Der Artikel wurde am 22. Juli 2026 veröffentlicht – zu dem Zeitpunkt war mir allerdings nicht bekannt, dass Maria João Pires genau einen Tag später, am 23. Juli, ihren 82. Geburtstag feiern würde...
Nachdem ich davon erfahren habe, sei dieser gesamte Beitrag ihr nun nachträglich auf das herzlichste und mit allen guten Wünschen als Geburtstagspräsent gewidmet!






Maria João Pires im Interview mit Classic FM: 

The moment I don’t lose the fear but I lose the tension is when I accept.

When you accept something you see it as a miracle.

I practice a lot. It’s a bit of meditation … being in yourself but not cut off from outside. You are conscious about all your surrounding and at the same time you stay with yourself – and then the answer comes.

Music is the road between the human being and the universe.
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