Berufsrisiko oder Systemfehler?
Ein persönlicher Blick auf das Befristungsrecht im NV Bühne und das Machtgefüge an deutschen Theatern.Eine Nichtverlängerung trifft künstlerisch Beschäftigte meist völlig unvorbereitet und reißt sie von einem Moment auf den anderen in ein berufliches Vakuum.
Ist dieser abrupte Abschied aus dem Ensemble wirklich ein notgedrungen zu akzeptierendes Berufsrisiko in der Kulturbranche? Oder verbirgt sich hinter der gängigen Praxis ein tiefliegender Systemfehler an unseren Bühnen?
Ein Beitrag für die Musiktheater-Zeitschrift Oper & Tanz.
Aktuell sieht es so aus: Verträge, die für mindestens eine Spielzeit geschlossen werden, verlängern sich automatisch, sofern nicht eine der Vertragsparteien fristgemäß eine Änderung ausspricht. Der Künstler selbst hat die Möglichkeit, zugunsten eines anderen Angebotes aus dem bestehenden Engagement zu scheiden und umgekehrt ist auch der jeweilige Intendant in der Lage, das Ensemble fast jederzeit rundzuerneuern und seinen persönlichen und künstlerischen Vorlieben anzupassen.
Auf den ersten Blick klingt alles nach einer klassischen Win-Win-Situation, die obendrein eine anhaltende Vitalität des Ensembletheaters zu gewährleisten scheint.
Aber wie sieht es eigentlich hinter den Kulissen aus? Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer in diesem Spiel? Ist dieses Spiel überhaupt fair oder womöglich so eine Art von unkontrollierbarem „Mensch ärgere dich nicht“?
"Augen auf bei der Berufswahl!"
...könnte ein Außenstehender lapidar entgegenhalten und hätte damit sogar recht. Ein Leben auf Abruf und ohne Netz gehören historisch zur DNA von Bühnenkünstlern.
Die frühesten unserer Kollegen zogen im Planwagen durch die Lande. Wenn da ein Rad abfiel, keine nächste Auftrittsmöglichkeit oder Unterkunft in greifbarer Nähe waren, dann bedeutete das buchstäbliches „Künstlerpech“ – mit allen Konsequenzen, als da waren: Hungern, Frieren und am Rande der Gesellschaft ums Überleben kämpfen.
Wenn aber im nächsten Dorf auf dem Marktplatz eine Bühne aufgebaut werden konnte und das Wetter passte, dann wurden aus den zuvor geächteten Randgestalten plötzlich Könige, Ritter, tragische, komische oder bewunderte Helden, Göttinnen oder Narren, die ihr Publikum verzauberten, denen die Herzen nur so zuflogen und die in wohl manchem Zuschauer sehnsüchtige Träume weckten. Vielleicht sogar jenen: selbst einmal dort oben zu stehen, auf diesen Brettern, die die Welt bedeuten.
Heutzutage ist der Beruf des Darstellers anerkannte Profession und setzt – insbesondere beim Musiktheater – eine langjährige und aufwendige Ausbildung, in der Regel ein Hochschulstudium, voraus.
Glücklich ist, wer mit dem entsprechenden Diplom in der Tasche direkt anschließend ein Engagement findet – sei es als Solist an einem Opernhaus, als Schauspieler in einem Ensemble oder aber im vergleichsweise sicheren Hafen eines Opernchores.
Verträge werden in der Regel für ein Jahr, manchmal auch für länger geschlossen – aber sie sind immer befristet und mithin für den Künstler endlich.
Der Thespiskarren steht somit auch im 21. Jahrhundert abfahrbereit vor der Haustür; Bleiben und Wurzelnschlagen sind a priori nicht vorgesehen.
Und doch besteht ein wesentlicher Unterschied zu jenen früheren „Künstlertruppen“, denn damals hielt ihr ungewisses Leben sie zusammen. Miteinander zogen sie umher, spielten, hungerten, froren und feierten – als ein Organismus, eine Familie, eine Herde…
Doch im 19. Jahrhundert änderte sich alles: Feste Theatergebäude entstanden. Mit ihnen wuchsen neue Strukturen. Man trennte die Leitung vom künstlerischen Handwerk – und der Beruf des Intendanten war geboren.
Ab diesem Zeitpunkt saßen nicht mehr alle in einem Boot (bzw. Planwagen), auch wenn dieser Gedanke gern weiterhin (und insbesondere von leitender Stelle herab) beschworen wurde; sondern einige bekamen Plätze im Büro, während die anderen weiterhin ihre gesamte physische und mentale Kraft auf der Bühne ließen.
Vielleicht dachte der eine oder andere anfangs noch: Gut, dass sich jemand um das Theater und den Spielplan kümmert; so kann ich mich vollkommen auf die Kunst konzentrieren, habe ein Dach überm Kopf, muss nicht mehr auf Marktplätzen spielen und um Essen betteln.
Aber gleichzeitig stand ab diesem Moment auch etwas anderes im Raum: Nämlich Macht.
Hatte man bis dato noch gemeinsam den Umständen getrotzt, so gab es im Theater nunmehr jemanden, der das Sagen hatte, von dem der Künstler abhängig war und dessen Gunst er zum Überleben benötigte.
Ohne Begründung konnte ein Schauspieler oder Sänger fast jederzeit rausgeworfen werden - auch, wenn seine Nase nicht mehr passte oder er unbequem wurde.
Zum vergleichsweise gemütlichen Thespiskarren als Symbol der Frühzeit des Theaters gesellte sich im Zuge der Moderne nun ein weiteres und leider deutlich weniger romantisches Bild: das Damoklesschwert der Nichtverlängerung.
„Ein Fehltritt bricht dir das Genick“
Wenn Chor und Ensemble zu Beginn des dritten Aktes von „Carmen“ gemeinsam singen
Écoute, écoute, compagnon, écoute, la fortune est là-bas, là-bas
und Walter Felsenstein den letzten Satz dieser Passage in seiner deutschen Übersetzung mit „Ein Fehltritt bricht dir das Genick“ treffend veranschaulicht, so geht es hier nicht nur um eine Schmuggeltour im Gebirge. Diese Zeilen enthüllen die nackte Wahrheit über das Leben am Theater – oder wie es die amerikanische YouTuberin Grahamophone in ihrem Folk-Song über die Partie der Königin der Nacht besingt:
If it’s not perfect, then the battle is lost. Just how many more careers will this cost?.
Aber was macht eigentlich diesen sachlich distanziert klingenden Vorgang der sogenannten Nichtverlängerung aus, was steckt dahinter, wie fühlt es sich an, wie geht es für den existenziell getroffenen Künstler anschließend weiter?
Was bedeutet es wirklich - nicht auf dem Papier, sondern im Herzen - gesagt zu bekommen: Du bist hier nicht mehr gewünscht, Du passt nicht mehr, bist nicht gut genug?
Künstler hören dies manchmal nach etlichen Jahren im Engagement, bei Intendanzwechseln oder kurz vor dem Zeitpunkt, an dem ihr Vertrag die Befristung verlieren würde; sie hören es jedenfalls nach einer oft längeren Zeit, in der sie für ein Ensemble gelebt haben, ihre gesamte Energie auf die Bühne und in ihre Figuren haben fließen lassen, in denen sie „ihrem“ Theater nicht nur Arbeitszeit „verkauft“, sondern darüber hinaus Herzblut und auch persönliche Zeit geschenkt haben, wo sie mehr als einmal beide Augen zugedrückt haben, wenn es darum ging, auf einer Probe „nur noch diese eine Szene“ fertigzustellen, selbst wenn dadurch die Nachtruhe beeinträchtigt oder die gesetzliche Tageshöchstarbeitszeit überschritten wurde; Jahre, in denen sie auch dem Publikum ans Herz gewachsen sind, vielleicht an diesem speziellen Ort eine Heimat gefunden und möglicherweise eine Familie gegründet haben.
Kunst bedeutet für die allermeisten Künstler mehr als reiner Broterwerb; solche Berufswahl wird selten aus finanziellen Gründen getroffen, sondern aus Leidenschaft, Begeisterung und Liebe. Es handelt sich buchstäblich um Berufung. Und diese lässt sich nicht am Bühnenausgang abstreifen wie ein Arbeitskittel. Sie lebt über die Arbeitszeit hinaus in allen Fasern des Seins – wie das Atmen und das Licht. Spielen, Singen und Tanzen sind eine Art Photosynthese im Vitalsystem des Darstellers – ein lebensnotwendiger Prozess.
Trennungsschmerz
Eingestanden, jede Art von Kündigung tut immer weh und stellt den Gekündigten vor eine Vielzahl von Fragen: wie geht es jetzt weiter, finde ich eine neue Stelle, wo werde ich wohnen…
Aber oft sind es sachliche und objektiv weitgehend nachvollziehbare Gründe, die dahinter stehen: ein Betrieb muss geschlossen, die Belegschaft verringert werden oder jemand hat tatsächlich etwas „verbockt“ und ist deswegen für den Betrieb nicht mehr tragbar. Alles nicht schön, und trotzdem irgendwie verständlich.
Doch der Sänger, Schauspieler oder Tänzer, der eines Tages - und aus oftmals heiterem Himmel - von seiner Nichtverlängerung erfährt, kann das beim besten Willen nicht „sachlich“ oder funktional betrachten. Diese Mitteilung trifft unmittelbar ins Herz des Künstlerseins, derjenige empfindet Scham, zweifelt an sich, fühlt sich womöglich schuldig oder einfach nicht gut genug.
Der berufliche Bruch wird als persönliche Abfuhr empfunden, der Künstler kann nicht zwischen seinem Sein und seiner Kunst abstrahieren, weil alles in ihm von vornherein miteinander verwoben ist.
Wie bei einer Trennung, wenn der Partner eines Tages plötzlich mitteilt, er habe jetzt jemand anderen gefunden oder wolle einfach generell nicht mehr zusammen sein. Welcher Mensch vermag eine solche Botschaft rein rational zu betrachten?
Natürlich gibt es jene Fälle, wo es schon lange nicht mehr gut lief und beide Seiten eigentlich Bescheid wissen sollten. Dann ist es fraglos das Beste, künftig getrennte Wege zu gehen.
Aber wenn einer mit Hingabe für die Beziehung (resp. das Theater) lebt, sich aufopfert, all sein Herzblut hineinfließen lässt und DANN vor die Tür gesetzt wird, ist dieses ungewollte Abschiednehmen von einer ganz anderen Tragweite und rührt neben den ohnehin existenziellen Fragen an viel tiefere Schichten des Menschseins.
Es ist daher zu fragen, ob diejenigen, die hinter ihren Schreibtischen einseitig solche Machtsprüche kundtun, wirklich verstehen, wie es sich anfühlt, von einem Augenblick auf den anderen den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen - und zwar nicht nur ökonomisch, sondern auch im Hinblick auf das gesamte künstlerische Selbstverständnis.
Denn erwartet irgendjemand ernsthaft, der nichtverlängerte Künstler würde locker aus dem Raum spazieren, sich den Staub von der Kleidung klopfen und munter zum nächsten Casting gehen?
Das ist der unwahrscheinlichste Fall.
Das Verletztsein und die Selbstzweifel wird er für die nächste Zeit in seinem Gepäck tragen. Und es ist fraglich, ob er anschließend überhaupt wieder in einem vergleichbaren Engagement landen kann; vielleicht wird er sogar den Beruf wechseln oder wenigstens nach einer Position Ausschau halten, die ihm künftige „Trennungen“ eher ersparen wird.
Ohne Netz und doppelten Boden?
Woher stammt überhaupt die Mär, gute Kunst würde nur am Rande des Abgrunds wirklich effektvoll gedeihen?
Und wieso glaubt man, Künstler würden bei zu viel Schutz im Engagement bequem werden und schlechtere Leistung bringen?
Oder, dass Sänger mit den Jahren zwangsläufig schlechter sängen?
Wer hat dieses Narrativ einst in die Welt gesetzt? Und wer ist immer wieder bereit, ohne Hinterfragen daran zu glauben und ihm blindlings zu folgen?
Die stärksten Theater- und Opernabende verdanke ich den Erfahrenen auf der Bühne: Künstlern, die über Jahrzehnte in ihrem Ensemble zu Hause waren und dort zur Meisterschaft reiften.
Wird der Hochseilartist langweiliger und sein Auftritt in irgendeiner Weise schlechter oder weniger bemerkenswert, wenn er das im Notfall lebensrettende Netz unter sich weiß?
Die Vereinigung deutscher Opern- und Tanzensembles (VdO) fordert hier ein echtes Sicherheitsnetz. Sie kämpft für faire Strukturen, Schutz vor Willkür und mehr Würde im Beruf.
Wer als Intendant Verträge nicht verlängert, muss das nachvollziehbar begründen. Tarifverträge müssen einen sozialen und wirtschaftlichen Ausgleich fest verankern. Nur verlässliche Regeln schaffen Vertrauen auf beiden Seiten – als Basis für ein stabiles Arbeitsklima und nachhaltigen Erfolg.
Ein Traum?
Zum Abschluss diese Vision: Eine Welt, in der Intendanten für ihre Auswahl geradestehen. In der ein kurzsichtiges ‚Hire and Fire‘ sich nicht hinter künstlerischer Freiheit versteckt. Sondern eine Welt, in der die Bühne ein angstfreier Raum ist – und Menschlichkeit nicht nur vor dem Vorhang gepredigt, sondern auch dahinter gelebt wird.
Hier gehen Künstler an ihre Grenzen und wachsen über sich hinaus. Sie reifen zur besten Version ihrer selbst und vollenden ihr Lebenswerk in Würde.
Hier nehmen Träume Gestalt an und sind für die Gesellschaft Spiegel, Vorbild und Seelennahrung.
An diesem Ort verwandeln sich die Bretter, die die Welt bedeuten, in ein sicheres Fundament für alle – für Künstler, Intendanten und das Publikum.
im Mai 2026
